Medikamentenabhängigkeit: Symptome erkennen und Hilfe finden
Medikamente sollen eigentlich bei Krankheiten helfen. Einige von ihnen können jedoch auch eine Krankheit herbeiführen: Eine Medikamentenabhängigkeit. Betroffene und Angehörige leiden oft stark darunter. Auf dieser Seite erfahren Sie, woran Sie eine Abhängigkeit erkennen, welche Medikamente besonders risikobehaftet sind und was Sie tun können.
Kurz zusammengefasst:
- Einige Medikamente können abhängig machen.
- Besonders risikobehaftet: Schlaf- und Beruhigungsmittel, Stimulanzien, opioidhaltige Schmerz- und Betäubungsmittel, Kopfschmerz- und Migränemittel sowie Nasentropfen und -sprays.
- Eine Abhängigkeit ist eine Krankheit. Warnzeichen sind bspw. Dosissteigerungen wegen nachlassender Wirkung, heimlicher (Mehr-)Konsum und sich eine Zeit ohne das Medikament nicht mehr vorstellen zu können.
- Ärztliche Beratung und die 4-K-Regel können schützen: 1) Klare Indikation, 2) kleinstmögliche Dosis, 3) kurze Verordnungsdauer und 4) kein abruptes Absetzen.
- Nutzen Sie eine ärztliche Beratung oder eine Suchtberatung, um über mögliche Sorgen bezüglich Ihres Medikamentenkonsums zu sprechen.
Inhalte
Risiko-Medikamente: Welche Medikamente können abhängig machen?
Laut einer jährlichen Veröffentlichung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) besteht bei 4 bis 5 Prozent der häufig verordneten Medikamente ein Suchtrisiko. Eine Abhängigkeitserkrankung kann teilweise schon nach wenigen Tagen bis Wochen der Einnahme entstehen.
Besonders risikobehaftete Medikamente:
- Schlaf- und Beruhigungsmittel: Benzodiazepine (z. B. Diazepam, Tavor) und Non-Benzodiazepine, sogenannte Z-Drugs (z. B. Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon)
- Stimulanzien (z. B. Methylphenidat, Modafinil, Amfepramon, Cathin, Phenylpropanolamin, Ephedrin)
- Opioidhaltige Medikamente: verschreibungs- und nicht-verschreibungspflichtige Schmerz- und Betäubungsmittel (z. B. Tilidin, Codein, Morphin, Oxycodon, Fentanyl)
- Kopfschmerz- und Migränemittel: können auf Dauer Kopfschmerzen auslösen und so weiteren Konsum fördern
- Abschwellende Nasentropfen und -sprays: können auf Dauer Anschwellungen verursachen und so weiteren Konsum fördern
- Alkoholhaltige Arzneimittel (z. B. Geriatrika, Erkältungsmittel und Melissengeist)
Anzeichen: Bin ich abhängig von Medikamenten?
Abhängigkeit und Sucht erkennen
Eine Abhängigkeit ist eine Krankheit, die anhand 6 klarer Kriterien diagnostiziert wird. Laut des Codebuchs für medizinische Diagnosen ICD-10 spricht man von einer Abhängigkeit, wen mindestens drei dieser Kriterien innerhalb eines Jahres gegeben sind:
- Craving: Starker Wunsch oder Zwang, das Medikament zu konsumieren.
- Kontrollverlust: Probleme damit, Beginn, Ende und Menge der Einnahme zu kontrollieren.
- Toleranzentwicklung: Steigerung der Dosis oder geminderte Wirkung bei gleich gebliebener Menge.
- Entzugssymptome: Es treten körperliche Entzugserscheinungen auf, wenn das Medikament nicht eingenommen wird.
- Vernachlässigung anderer Interessen und Verpflichtungen: Vernachlässigung persönlicher, sozialer oder beruflicher Interessen für die Beschaffung und/oder Erholung nach dem Konsum.
- Konsum trotz Folgeschäden: Der Konsum wird trotz negativer gesundheitlicher, sozialer, beruflicher oder persönlicher Konsequenzen fortgesetzt.
Missbrauch von Medikamenten erkennen
Es gibt verschiedene Abstufungen schädlichen Konsums, wie der absichtliche oder auch unabsichtliche Fehlgebrauch, riskanter Konsum oder der Missbrauch von Medikamenten. Sie können gewissermaßen Vorstufen einer Abhängigkeitserkrankung sein und sollten möglichst früh erkannt werden.
Mögliche Warnhinweise sind laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen:
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
- emotionale Taubheit
- körperliche Abgeschlagenheit, Energielosigkeit und Schlafprobleme
- Wirkungsnachlass und Dosissteigerung
- Heimlichkeit, also z. B. weitere Verschreibungen ohne das Wissen des behandelnden Arztes oder der behandelnden Ärztin
- Indikationserweiterung, also z. B. die Einnahme in anderen Situationen als verordnet
- Fixierung auf das Medikament, also z. B. nicht mehr ohne das Medikament aus dem Haus zu gehen
Mit dem Lippstädter Benzo-Check können Sie Ihren Konsum von Benzodiazepinen und verschreibungspflichtigen Schlafmitteln („Z-Drugs“) sofort selbst einordnen.
Medikamentenabhängigkeit vorbeugen: Wie kann ich mich schützen?
Das A und O der sicheren Einnahme ist die entsprechende ärztliche Anleitung und die Einhaltung des Behandlungsplans. Dazu gehört eine sorgfältige Vorbesprechung der Behandlung, bei der Sie über das Suchtrisiko und zu erwartende Veränderungen aufgeklärt werden. Darüber hinaus sollte das Behandlungsziel klar definiert und regelmäßig überprüft werden. Sprechen Sie gerne Ihren Arzt oder Ihre Ärztin darauf an.
Insbesondere für Schlaf- und Beruhigungsmittel wurde darüber hinaus die 4-K- bzw. 5-K-Regel als Merksatz zur Vermeidung von Abhängigkeitserkrankungen entwickelt. Die Regel richtet sich an medizinisches Personal, Patientinnen und Patienten:
- Klare Indikation: Nehmen Sie das Medikament nur bei echter medizinischer Notwendigkeit.
- Kleinstmögliche Dosis: Lassen Sie sich ärztlich erläutern, welche Dosis für die Behandlung zwingend notwendig ist und überschreiten Sie diese nicht in der Häufigkeit oder Menge der Einnahme.
- Kurze Verordnungsdauer: Nehmen Sie das Medikament nicht länger ein als notwendig und verschrieben.
- Kein abruptes Absetzen: Insbesondere bei Beruhigungs- und Schlafmitteln kann ein abruptes Absetzen gefährlich bis lebensbedrohlich sein. Verringern Sie die Einnahme stattdessen in ärztlicher Begleitung.
In einer erweiterten Version, der 5-K-Regel, wird zusätzlich aufgenommen:
- Kontraindikation und Wechselwirkungen beachten: Besprechen Sie mögliche medizinische Gründe, die die Behandlung mit dem jeweiligen Medikament ausschließen könnten. Insbesondere eine vorliegende oder vergangene Suchterkrankung, negative Erfahrungen mit dem Medikament oder weitere parallel eingenommene Medikamente und Substanzen.
Hilfe und Anlaufstellen: Was tun bei Medikamentenabhängigkeit?
In Deutschland gibt es ein großes Suchthilfesystem mit einer Vielzahl von Anlaufstellen. Dazu zählen Suchtberatungsstellen, Arztpraxen und Selbsthilfegruppen.
Suchtberatung
Suchtberatungen
sind meist kostenlos und werden von Fachpersonal durchgeführt, das sich mit Suchterkrankungen und dem Hilfesystem auskennt. Viele Beratungsstellen sind auch online über DigiSucht erreichbar.
Arztpraxen
Ärztinnen und Ärzte
kennen sich mit Abhängigkeitserkrankungen aus und sind besonders bei Medikamentenabhängigkeit eine wichtige erste Anlaufstelle. Sprechen Sie Bedenken beim nächsten Termin an.
Selbsthilfe
Selbsthilfegruppen
ermöglichen es, mit anderen Menschen in ähnlichen Situationen in den Austausch zu kommen und langfristig Unterstützung zu erhalten. Mögliche Angebote in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Darüber hinaus helfen Angebote der Entgiftung, Entwöhnung oder Therapie, um eine körperliche und/oder psychische Abhängigkeit zu überwinden. Die Optionen sind vielfältig und es ist nicht immer einfach, einen Überblick über die regionalen Angebote zu gewinnen und die passende Hilfe zu finden. Zugang erhalten Sie über Suchtberaterinnen und Suchtberater.
FAQs
Betroffene sind keine einheitliche Gruppe. Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts, jeder Herkunft und jeder sozialer Schicht können unter einer unter Medikamentenabhängigkeit leiden.
Besonders hoch sind die Betroffenenzahlen unter Frauen über 40 Jahren. Es wird angenommen, dass Veränderungen ab diesem Alter unangenehme Gefühle hervorrufen können, deren Bewältigung durch Schlaf- oder Beruhigungsmitteln angestrebt wird. Beispiele dafür sind der Auszug der Kinder von Zuhause, die Wechseljahre oder die einsetzende Menopause.
Folgende Menschen haben ein erhöhtes Risiko, medikamentenabhängig zu werden:
- Wer in einem Haushalt groß geworden ist, wo Medikamenten ein gängiger Umgang mit Unwohlsein und Schmerzen waren.
- Wer unter chronischen Schmerzen leidet.
- Wer im Beziehungs. oder Alltagsleben unter großem Druck steht oder sprotliche Leistungen steigern möchte.
- Wer bereits an einer Suchterkrankung leidet oder anfällig für diese ist.
In Deutschland sind 2,2 % der 18- bis 64-Jährigen an einer Medikamentenabhängigkeit erkrankt ud 1,4 % missbrauchen Medikamente. Das geht aus dem Epidemiologischen Suchtsurvey hervor. Es wurde der Anteil der Menschen erhoben, die innerhalb eines Jahres die Diagnosekriterien für Missbrauch oder Abhängigkeit erfüllen.
Die bestimmungsgemäße Einnahme senkt das Abhängigkeitsrisiko deutlich, aber schließt es nicht komplett aus. Das Risiko einer Sucht als Nebenwirkung bei langanhaltender Einnahme bleibt bestehen.
Wählen Sie in akuten medizinischen Notfällen (z. B. Überdosierung, Entzugserscheinung, Bewusstlosigkeit) den Notruf 112.
Weitere Notfallnummern für nicht lebensbedrohliche Krisen:
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
- Sucht & Drogen Hotline: 01806 31 30 31 (20ct pro Anruf)
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
- Sorgentelefon für Angehörige: 06062 607 670
- Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111
Hinweis: DigiSucht ist keine Anlaufstelle für akute Notfälle. Sie erhalten in der Regel innerhalb von drei Werktagen eine Antwort.
Nein, niemand muss davon erfahren, dass Sie eine Beratung wahrnehmen. Lediglich die Suchtberaterin oder der Suchtberater sieht Ihren selbst gewählten Benutzernamen.
Die Beratung wird von kommunalen Beratungsstellen durchgeführt. Dort arbeiten professionelle Beraterinnen und Berater.
Im Anmeldeprozess werden Ihnen Beratungsstellen in Ihrer Nähe vorgeschlagen. Wenn mehrere Beratungsstellen zur Auswahl stehen, können Sie eine Beratungsstelle auswählen und kontaktieren.
Die Beratung ist für Sie kostenlos. Die Arbeit der Suchtberatungsstellen wird in der Regel von Ihrer Kommune bzw. Ihrer Stadt finanziert. Die DigiSucht Plattform wird gefördert von den beteiligten Bundesländern.
Alle Menschen sind in einer Suchtberatung willkommen:
- Betroffene und Angehörige
- Mit Gesprächsbedarf rund ums Thema Sucht von Alkohol und Cannabis über illegale Drogen bis hin zu Verhaltenssüchten wie Glücksspiel und Mediennutzung
- Menschen mit oder ohne Veränderungswunsch
- Menschen mit ersten Sorgen oder langjähriger Suchterkrankung
Die Inhalte orientieren sich an Ihren Bedürfnissen. Mögliche Themen sind Ihre aktuelle Situation, Fragen, Sorgen oder Ziele.
Es gibt keine Erwartungen an Sie. Die Beratung ist unverbindlich und ergebnisoffen.
Stand: August 2026
Quellen und weitere Informationen
- Batra, A., Dresler, T., Fuchs, S., Gertz, H.-. J., Häuser, W., Petzke, F., Rosada, A., Veltrup, C., & Havemann-Reinecke, U. (2020). Definitionen und Diagnostik. In S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen (1. Aufl.). Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN); Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. (DG-Sucht). https://register.awmf.org/assets/guidelines/038-025l_S3_Medikamtenbezogene-Stoerungen_2025-08-abgelaufen.pdf
- Bschor. (2026). Medikamente – Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. In DEUTSCHE HAUPTSTELLE FÜR SUCHTFRAGEN E.V., DHS Jahrbuch Sucht 2026 (S. 87). Pabst Science Publishers. https://doi.org/10.2440/012-0036
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). (2024). ICD-10-GM Version 2024.
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). (2015a). Besonders gefährdete Personengruppen. Medikamente und Sucht. https://www.medikamente-und-sucht.de/behandler-und-berater/besonders-gefaehrdete-personengruppen/
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). (2015b). Niedrigdosisabhängigkeit. Medikamente und Sucht. https://www.medikamente-und-sucht.de/behandler-und-berater/medikamentensicherheit/missbrauch-und-abhaengigkeit/niedrigdosisabhaengigkeit
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). (2015c). Warnzeichen. Medikamente und Sucht. https://www.medikamente-und-sucht.de/interessierte-und-betroffene/warnzeichen
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) & BARMER GEK. (2013). Medikamenteneinnahme: Risiken vermeiden [Broschüre].
- DocCheck, M. bei. (o. J.). 5-K-Regel. DocCheck Flexikon. Abgerufen 18. August 2026, von https://flexikon.doccheck.com/de/5-K-Regel
- dpa Service. (2022, November 24). Abhängigkeit vermeiden. Bei Schlafmitteln gilt die 5-K-Regel. Die Zeit. https://www.zeit.de/news/2022-11/24/abhaengigkeit-vermeiden-bei-schlafmitteln-gilt-die-5-k-regel
- Glaeske, G., Holzbach, R., & Boeschen, D. (mit Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen). (2024). Medikamentenabhängigkeit (6.6.07.24). Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.
