Überdosis: Verstehen, Verhindern, Verarbeiten
Täglich sterben Menschen an Drogenüberdosierungen. Sie lassen Angehörige mit einer ganz besonderen Art der Trauer zurück. Viele der Todesfälle können vermieden werden.
Kurz zusammengefasst
- Todesfälle kommen meist bei Opioid-, Stimulanzien- und Mischkonsum vor.
- Opioide können die Atmung lebenbedrohlich stören. Stimulanzien können den Körper überstimulieren und Herzinfakte, Schlaganfälle und lebensgefährliches Fieber hervorrufen.
- Naloxon hebt die lebensbedrohliche Wirkung von Opioiden sofort auf. In Konsumräumen können Notfälle erkannt und anschließend behandelt werden.
- Trauernde Angehörige stehen oft vor komplexen Gefühlswelten. Beratungsstellen und Gesprächsgruppen bieten Unterstützung.
Wie verbreitet sind Todesfälle durch Überdosen?
Laut Daten des Bundeskriminalamts Wiesbaden sind in Deutschland 2.085 Menschen in Folge ihres Drogenkonsums gestorben. Davon starben 1.441 Menschen an Vergiftungen also einer Überdosierung. Das entspricht etwa vier Personen pro Tag.
Im Großteil der Fälle (82 %) führte eine Mischung verschiedener Substanzen zum Tod. Besonders häufig waren Crack, Kokain, Opioide wie Heroin oder Opiat-Substitutionsmittel wie Methadon beteiligt. Außerdem hat der Anteil an synthetischen Opioiden wie Fentanyl im Vergleich zu 2021 deutlich zugenommen.
Was passiert bei einer Überdosis?
Opioide
Opioide wie Heroin, Fentanyl oder Morphin sind in erster Linie Schmerzmittel. Sie docken an Opioidrezeptoren an, an die auch körpereigene Botenstoffe wie Endorphin binden. Hier hemmen sie die Weitergabe von Schmerzsignalen, sodass der Schmerz weniger oder nicht mehr wahrgenommen wird.
Opioidrezeptoren kommen auch im Hirnstamm vor und steuern hier maßgeblich die Atmung. Dieser Prozess wird durch Opioide gestört. Bei einer Überdosis wird die Atmung verlangsamt, unregelmäßig oder setzt aus. Als Folge dessen kann der Körper nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt werden und es kann zu Bewusstlosigkeit, Atemstillstand oder Herz-Kreislauf-Stillstand kommen. Die sogenannte „opioidinduzierte Atemdepression“ ist die Hauptursache für opioidbedingte Todesfälle.
Solche Wirkmechanismen können durch sogenannte Antagonisten aufgehoben werden. Das Notfallmedikament Naloxon ist ein Antagonist für die Opioidrezeptoren und wirkt lebensrettend bei einer akute Opioid-Überdosis.
Stimulanzien
Stimulanzien wie Kokain, Crack, Amphetamin (Speed) und Methamphetamin wirken grundsätzlich anregend auf den Körper. Sie wirken auf das Dopamin-, Noradrenalin- und Serotoninsystem mit der Folge ein, dass die anregende und angenehme Wirkung der Botenstoffe ausgelöst oder verlängert wird.
Der Körper befindet sich im Alarmzustand. Das kann lebensbedrohliche Herz-Kreislauf-Probleme, Krampf- und Schlaganfälle sowie gefährlich hohe Körpertemperaturen hervorrufen.
Wenn es zu einer tödlichen Überdosis kommt, lagen häufig bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Häufig wusste die Person nicht von ihrer Vorerkrankung, die sich über einen längeren Konsumzeitraum erschwert hat
Stimulanzien werden seltener ungewollten tödlich überdosiert als Opioide oder die Kombination beider Substanzgruppen. Jedoch scheint das Risiko durch tödliche Unfälle und Suizide bei Stimulanzienkonsum erhöht.
Wie können Überdosen verhindert werden?
Dem Risiko von Überdosierungen kann gesellschaftlich auf verschiedenen Ebenen begegnet werden. So stellte die European Drugs Agency (EUDA) 2018 mehrere Strategien gegen Opioidüberdosierungen auf drei Ebenen vor:
- Anfälligkeit für Überdosierungen grundsätzlich reduzieren: niedrigschwellige Hilfsangebote fördern, Zugangsbarrieren abbauen und wirksamen Selbstschutz für Konsumierende vermitteln
- Risiko für Überdosierungen unter Gefährdeten senken: Substitutionsbehandlungen, systematische Einschätzung des Überdosis-Risikos, Aufklärung über Risiken und Safer-Use.
- Notfälle konkret vermeiden: beaufsichtigten Konsum mit entsprechenden Behandlungsoptionen im Notfall ermöglichen, Take-Home-Naloxon-Programme fördern
Wie gehe ich mit einem Todesfall durch eine Drogenüberdosis um?
Eine nahestehende Person zu verlieren, ist nie einfach. Eine Person durch ihren Drogenkonsum zu verlieren, bringt in der Trauer jedoch einige Besonderheiten mit sich. Obwohl das soziale Umfeld eine große Untesrtützung in der Trauer sein kann, ist es manchmal hilfreicher in spezialisierten Beratungen oder Gesprächskreisen über die Situation zu sprechen.
Besonderheiten der Trauer nach einem Todesfall durch Drogenkonsum
Grundsätzlich ist jede Trauerreaktion ist stark von der persönlichen Situation abhängig. Dennoch gibt es einige beobachtete Besonderheiten der Trauer in Todesfällen im Kontext des Drogenkonsums, die vorkommen können. Die Forscherin Kari Dyregrov beschreibt diese Besonderheiten beispielhaft in dem sogenannten „Special Grief“-Modell:
- Während die geliebte Person konsumiert, kann eine „antizipatorische Trauer“ einsetzen. Sie zeigt sich durch Gefühle des Verlusts, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit, obwohl die Person nicht verstorben ist. Angehörige durchleben den Verlust schon im Vorhinein.
- Wenn es zu einem Todesfall kommt, erleben einige Angehörige widersprüchliche Gefühle: Trauer, Wut, Schuld, Selbstvorwürfe oder Erleichterung.
Nach einem Todesfall Erleichterung zu verspühren, entspricht nicht der gesellschaftlichen Norm. Deshalb kann es schwer sein, diese Gefühle zu akzeptieren oder mit anderen zu teilen.
Schuldgefühle können sich darauf beziehen, den Todesfall nicht verhindert zu haben, von den Drogenproblemen nicht gewusst zu haben oder erleichtert über den Tod zu sein. Diese Schuldgefühle können auch das eigene Selbstbild beeinflussen. - Angehörige können sich zusätzlich mit einem gesellschaftlichen Stigma konfrontiert sehen, nach dem der Todesfall im Vergleich zu anderen Todesfällen abgewertet oder mit Vorurteilen belegt wird. Sie können eine Erwartung verspühren, sie sollten einfacher oder schneller mit dem Tod abschließen.
- Die genannten Besonderheiten erschweren es, den Todesfall zu verarbeiten und es können sogenannte „komplexe Trauerreaktionen“ auftreten. Dazu zählen beispielsweise die anhaltende Trauerstörung, ausbleibende Trauer oder Trauer, die von der Person selbst oder dem Umfeld nicht anerkannt wird.
Unterstützung im Umgang mit dem Todesfall
Grundsätzlich kann das soziale Umfeld eine relevante Stütze sein. Das geht jedoch nur, wenn das Umfeld die besondere Situation der trauernden Person verstehen kann und möchte. Wenn die Offenheit, das Verständnis und das Wissen nicht auf dem Niveau gegeben sind, kann es sein, dass sich das Umfeld distanziert oder die trauernde Person sich isoliert. In offenen, verstädnisvollen und nicht-stigmatisierenden Austauschen können Sie hingegen Trauer begleiten und gewünschte Unterstützung besprechen.
Darüber hinaus können Gespräche mit Expert:innen oder anderen Angehörigen unterstützen. Mögliche Anlaufstellen sind:
Quellen:
- Bach, P., Stenger, M., & Ersche, K. D. (2024). Stimulanzien: Aktuelle Erkenntnisse zu Grundlagen, Diagnostik und Therapie. Der Nervenarzt, 95(9), 797–802. https://doi.org/10.1007/s00115-024-01687-5
- Baldo, B. A., & Rose, M. A. (2022). Mechanisms of opioid-induced respiratory depression. Archives of Toxicology, 96(8), 2247–2260. https://doi.org/10.1007/s00204-022-03300-7
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). (2025, Oktober). Naloxon. [Lexikonartikel]. https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-n/naloxon/
- Corder, G., Castro, D. C., Bruchas, M. R., & Scherrer, G. (2018). Endogenous and Exogenous Opioids in Pain. Annual Review of Neuroscience, 41(1), 453–473. https://doi.org/10.1146/annurev-neuro-080317-061522
- Docherty, J. R., & Alsufyani, H. A. (2021). Cardiovascular and temperature adverse actions of stimulants. British Journal of Pharmacology, 178(13), 2551–2568. https://doi.org/10.1111/bph.15465
- Drogenbeauftragter der Bundesregierung. (2026, 7. Juli). Jeder vierte Drogentote ist unter 30 Jahre [Pressemitteilung]. https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/presse/detail/jeder-vierte-drogentote-ist-unter-30-jahre/
- Dyregrov, K., Møgster, B., Løseth, H.-M., Lorås, L., & Titlestad, K. B. (2020). The special grief following drug related deaths. Addiction Research & Theory, 28(5), 415–424. https://doi.org/10.1080/16066359.2019.1679122
- European Union Drug Agency (EUDA). (2018). Preventing overdose deaths in Europe (Perspectives on drugs) (Perspectives on Drugs).
- Schaffer, D. H., & Richards, J. R. (2025). Sympathomimetic Toxicity. In: StatPearls. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK430757/
